Michael Carrick bleibt vorerst Trainer von Manchester United. Obwohl die Fans nach der Niederlage gegen Bournemouth im Old Trafford feindselig reagierten, wird er beim Auswärtsspiel am Samstag in Chelsea auf der Bank sitzen.
Als Carrick nach dem Spiel am Sonntag in den Tunnel verschwand, schlug die Unterstützung der Fans für eine Vereinslegende in Hass und Wut auf die aktuelle Mannschaft um. Die Stimmung danach soll emotional gewesen sein.
Carrick verließ das Stadion als Letzter. Bei einem trüben Wetter und einem noch trüberen Auftritt auf dem Platz posierte er wie gewohnt geduldig für Selfies und signierte Trikots für die Fans, die geblieben waren.
Auf die Frage in der Pressekonferenz nach dem Spiel, ob er erwarte, beim Auswärtsspiel am Samstag in Chelsea noch im Amt zu sein, antwortete Carrick: „Ehrlich gesagt erwarte ich nichts Bestimmtes. Ich mache einfach so weiter wie bisher.“
Nur wenige glaubten, dass dies haltbar sei. Selbst Carricks Trainerteam fragte sich, ob es überleben würde.
United hat entschieden, dass Carrick und seine Spieler die Chance bekommen, die aktuelle Situation zu drehen. Eine Frist wurde nicht genannt. Carrick wird aber in Chelsea auf der Bank sitzen, während seine Mannschaft auf Platz 16 der Tabelle liegt.
Drei Tage später steht das entscheidende Champions-League-Spiel gegen Roma an, danach folgt die Premier-League-Partie gegen den formstarken Aston Villa, bevor eine zweiwöchige Länderspielpause beginnt.
Niemand bei Manchester United sagt es offen, doch dies wäre der naheliegendste Zeitpunkt, um zu entscheiden, ob ein Trainerwechsel nötig ist.
Warten auf eine Entscheidung, die nicht kam
Am Montagmorgen wurde weithin erwartet, dass eine Mitteilung über das Ende von Carricks Amtszeit folgen würde. Ein hochrangiger Vertreter des Vereins sagte jedoch, dass Ruhe und ein klarer Kopf nötig seien, um die Turbulenzen rund um das Old Trafford zu bewältigen.
Carrick hatte sich seit der deutlichen 1:4-Niederlage in Como am 21. Oktober über Wasser gehalten. Es war eine der schlimmsten europäischen Nächte in der Vereinsgeschichte.
Andy Mitten, angesehener United-Fan und Chefredakteur des Fanzines United We Stand, der im vergangenen Juni im Auftrag des Clubs den Geschäftsführer Omar Berrada interviewt hatte, bezeichnete die Leistung als „Affront gegen den Namen Manchester United“.
Neben der katastrophalen Leistung stellte Kapitän Bruno Fernandes Carricks Taktik öffentlich infrage, ebenso die Unfähigkeit seiner Trainer, zu erkennen, was schieflief.
Fernandes’ Äußerungen kamen eine Woche, nachdem Verteidiger Lisandro Martínez gesagt hatte, er habe mehr Investitionen in den Kader erwartet und – mit Blick auf Jason Wilcox – „mehr von unserem Technischen Direktor“.
Das Bild war das eines außer Kontrolle geratenen Kaders, und die Vereinsführung stand vor einem unmittelbaren Dilemma.
Man hielt es für überstürzt und impulsiv, Carrick aufgrund der Negativität nach einem einzigen Spiel zu entlassen. Deshalb hielt United am 45-Jährigen für das Spiel gegen Bournemouth fest. Der Auftritt fiel jedoch noch schlechter aus als jener in Italien.
Fernandes stand nicht in der Startelf und saß auf der Bank. Danach gefiel dem portugiesischen Star ein Instagram-Beitrag mit der Bildunterschrift: „Dränge nie einen loyalen Menschen so weit, dass ihm alles egal wird.“
Spät am Sonntagabend hieß es, dass noch keine endgültige Entscheidung zur Entlassung Carricks gefallen sei und die Entscheidung bis in den Montag reichen würde.
Auch am Montag fiel keine Entscheidung. Die Spieler, die gegen Bournemouth in der Startelf gestanden hatten, bekamen den Tag frei. Seltsamerweise waren jedoch Fernandes und Carrick beide im Trainingsgelände in Carrington. Fernandes unterzog sich einer lange geplanten Behandlung, während Carrick ein Spiel der U21 bei Ausschluss der Öffentlichkeit verfolgte.
Ebenfalls in Carrington waren Berrada und Wilcox, die besprachen, wie die unmittelbare Zukunft aussehen sollte. Quellen zufolge ist es undenkbar, dass der Minderheitseigentümer Sir Jim Ratcliffe und die Familie Glazer nicht in diese Gespräche eingebunden waren.
Am frühen Abend wurde klar, dass es kein Update zu Carricks Zukunft geben würde. Seine Ankunft in Carrington am Dienstag um 07:30 Uhr GMT deutete darauf hin, dass er wie gewohnt das Training leiten würde. Zusammen mit Fernandes und mehreren anderen Spielern signierte und posierte Carrick an diesem Tag außerdem für Fotos mit einer Gruppe von Fans, die ins Trainingsgelände eingeladen worden waren.
Vier Stunden später bestätigten Quellen von United, dass er an der Seitenlinie in Stamford Bridge stehen werde.
„Wir alle wollen es wieder richtig machen“
Die aktuelle Krise wird nicht als allein Carricks Schuld gesehen.
Führungskräfte des Clubs sind der Ansicht, dass die Spieler des Kaders, den sie für fähig halten, sich für die Champions League zu qualifizieren, deutlich unter ihren Möglichkeiten bleiben und einen Teil der Verantwortung tragen sollten.
Es scheint ein allgemeiner Wille zu bestehen, Carrick zu helfen. Ein Spieler sagte: „Das Gefühl ist, dass wir es alle wieder richtig machen wollen. Spieler, Betreuer, alle.“
Unklar ist, ob das „wir“ auch Fernandes einschließt. Außerdem ist nicht bekannt, welche Gespräche es gegebenenfalls zwischen dem Kapitän und seinem Chef gegeben hat.
Natürlich ist es einfacher, einen Trainer samt Betreuerstab zu entlassen als einen ganzen Kader. Wenn sich die Ergebnisse nicht bessern, wird Carrick den Preis zahlen.
Ein ehemaliger hochrangiger Funktionär von United sagte: „Normalerweise wäre Michael schon weg. Die letzten beiden Auftritte waren inakzeptabel, und die Disziplin im Team ist zerbrochen. Dass man es nicht tut, ist faszinierend und riskant.“
Kritiker könnten einwenden, dass Carrick vor allem deshalb noch im Amt ist, weil vor dem Spiel in Chelsea kein Nachfolger gefunden werden konnte. Außerdem gehören einige der Trainer, die Darren Fletcher, der aktuelle Chef der U18, während seiner Zeit als Interimstrainer im Jänner um Unterstützung gebeten hatte, inzwischen zum Trainerstab der ersten Mannschaft.
Wie am Montag bekannt wurde, prüfte United als mögliche Optionen unter anderem Eddie Howe und Julian Nagelsmann, während der Verein abwog, ob ein Wechsel nötig ist. Eine Verpflichtung von Howe würde eine Ablösezahlung im Millionenbereich an seinen früheren Verein Newcastle auslösen. Manche Beobachter halten es für möglich, dass Ablösesummen ein Grund für die Zurückhaltung von United sein könnten, angesichts der Summen, die in der Vergangenheit für Trainerverpflichtungen und -entlassungen ausgegeben wurden.
Außerdem wurde bekannt, dass der frühere Chelsea-Trainer Antonio Conte gesprächsbereit ist, auch wenn es bisher keinen direkten Kontakt gab.
Alle drei sind derzeit ohne Verein, ebenso Kieran McKenna, der mit Carrick unter Ole Gunnar Solskjaer im Trainerstab von United arbeitete und später zu Ipswich wechselte.
Auch Aston Villas Unai Emery genießt bei United große Unterstützung, doch der Club rechnet sich realistische Chancen aus, den Spanier vom Villa Park wegzulocken.
Wie steht es um Berrada und Wilcox?
Auch die Zukunft von Jason Wilcox steht stark unter Beobachtung.
Eine Person aus dem Umfeld von United hält es für unausweichlich, dass der frühere Spieler von Blackburn und Leeds seinen Posten früher oder später verliert, falls es in dieser Saison bereits der dritte Trainerwechsel wird.
Es gibt Verständnis für Wilcox, der das Transferbudget im Sommer nicht festgelegt hat. Andere verweisen darauf, dass Ratcliffe seit seinem Einstieg in den Fußballbereich Anfang 2024 erhebliche Mittel für Transfers bereitgestellt hat und zudem 300 Millionen Pfund aus seinem eigenen Vermögen in den Club gesteckt hat.
Fans verweisen auf Vereine wie Brentford und Brighton, die beweisen würden, dass gute Spieler auch ohne astronomische Ablösesummen verpflichtet werden können. Für große Clubs wie United seien die Optionen im Sommertransferfenster jedoch knapp gewesen.
Trotzdem wurde nie erklärt, warum man sich im vergangenen Sommer entschied, das Mittelfeld zu verstärken, statt die offensichtlichen Probleme auf der linken Abwehrseite und im Zentrum des Angriffs anzugehen. Verletzungen von Luke Shaw und Benjamin Sesko haben dieses Problem noch verschärft.
Ein weiterer hochrangiger Insider sagte, sowohl Wilcox als auch Berrada könnten gefährdet sein. Er deutete an, dass Ratcliffe eine umfassendere Neuordnung der Führungsebene erwägen könnte.
Vorerst richten sich alle Blicke jedoch auf Stamford Bridge. Carrick wird am Donnerstag vor die Medien treten.